Wissenschaftsartikel | Bioterra | 2023

Auf der Suche nach dem besseren Torf

Torffreie Sackerden sind mittlerweile Standard. Im Pflanzenbau wird der klimaschädliche Rohstoff jedoch nach wie vor in rauen Mengen eingesetzt. Warum hält sich der Torf so hartnäckig? Und wie gut sind die Alternativen?

Torf ist ein ideales Pflanzsubstrat – aber ein Klimakiller. In der Schweiz soll der Torfeinsatz im Gartenbereich bis 2030 auf unter 5 Prozent sinken.  | Bild: pixabay.com

Torf ist ein ideales Pflanzsubstrat – aber ein Klimakiller. In der Schweiz soll der Torfeinsatz im Gartenbereich bis 2030 auf unter 5 Prozent sinken. | Bild: pixabay.com

Torf zu ersetzen, ist leichter gesagt als getan. Seit Jahrzehnten bauen Gärtnereien für ihre Topfkulturen auf das «schwarze Gold», haben ihre Produktionsprozesse danach ausgerichtet. Angefangen hat alles Mitte der 1950er-Jahre mit der Entwicklung der Einheitserde. Ziel war es, ein quasi-steriles Substrat mit homogener Zusammensetzung und gleichbleibenden Eigenschaften zu entwickeln, das eine grössere Sicherheit bei der Kulturführung bietet als belebte Substrate wie Komposterde. Eine Kombination aus zwei Dritteln Torf und einem Drittel Ton stellte sich als ideale Basis für diese Einheitserde heraus. Dazu muss man wissen: Im Gegensatz etwa zu Kompost gibt es beim Torf keine Schwankungen. Torf ist immer gleich: unbelebt, nährstoffarm, sauer und frei von Schadstoffen. Er lässt sich nach Belieben aufdüngen oder mit Kalk versetzen, wenn eine Pflanze mehr Nährstoffe braucht oder ein basischeres Milieu bevorzugt. Was für Topfkulturen ausserdem von grosser Bedeutung ist: Die Fähigkeit des Torfs, Wasser zu speichern und gleichzeitig Luft zu halten. Einmal vollgesaugt, gibt Torf das Wasser über einen längeren Zeitraum nach und nach wieder ab. Das verringert den Bewässerungsaufwand. Die Wurzeln bleiben dabei auch im feuchten Substrat gut belüftet. Torf macht die Pflanzenproduktion effizienter, sicherer, berechenbarer – und damit günstiger. Ein Segen für Gärtnereien, aber ein Fluch fürs Klima.

Intaktes Moor in Estland. | Bild: Maxim Shutov, unsplash
Intaktes Moor in Estland. | Bild: Maxim Shutov, unsplash

Für den Abbau von Torf werden Moore trockengelegt, in denen über Jahrtausende Kohlenstoff in Form von abgestorbenem Pflanzenmaterial abgelagert und gebunden wurde. Einmal entwässert, reagiert der Kohlenstoff mit der Luft und wird in Form von CO2 freigesetzt. Weltweit verursacht der Torfabbau schätzungsweise fünf Prozent der Treibhausgasemissionen. Ein nicht unwesentlicher Teil davon geht auf das Konto der Gartenbranche, die mit 10 Millionen Tonnen rund ein Drittel des weltweit jährlich abgebauten Torfs beansprucht. In der Schweiz und anderen europäischen Ländern ist der Torf deshalb zur «Materia non grata» erklärt worden, der Torfausstieg wird hierzulande seit bald zehn Jahren politisch vorangetrieben. Trotzdem hält sich der fossile Rohstoff, wenn auch auf tieferem Niveau, immer noch hartnäckig, teils sogar bei Biogärtnereien. Und das, obwohl es an erneuerbaren Alternativen nicht mangelt.

Kein Eins-zu-Eins-Ersatz

Holzfasern, Kokosfasern, Rindenhumus, Kompost, Pflanzenkohle, Chinaschilf, Getreidespelzen, Hanffasern – die Liste bestehender und potenzieller Torfersatzstoffe ist lang. Das Problem: Keines dieser Produkte kann Torf das Wasser reichen. Zumindest nicht, wenn es für sich allein steht. «Torf lässt sich nicht eins zu eins durch etwas anderes ersetzen», sagt Beat Sutter von Ricoter, dem grössten Erdproduzenten in der Schweiz. «Es braucht immer eine Kombination aus verschiedenen Stoffen, um die Eigenschaften des Torfs kompensieren zu können.» Holzfasern, zurzeit einer der gängigsten Torfersatzstoffe, lockern das Substrat auf und sorgen für eine gute Belüftung, können aber Wasser nicht so gut halten. Ein besseres Wasserspeichervermögen haben Chinaschilf, Pflanzenkohle, Hanffasern und Rindenhumus (kompostierte Rinde von Nadelhölzern). Allerdings können sie, genau wie Kompost, die Verfügbarkeit von Stickstoff hemmen. Kompost fördert die mikrobiologische Aktivität im Boden, ist teilweise jedoch verunreinigt, etwa mit Plastikpartikeln. Getreidespelzen, häufig von Reis oder Hafer, sind ein gutes Strukturmaterial, können erntebedingt aber Unkrautsamen oder Getreidekörner enthalten. Die richtige Mischung aus Torfersatzstoffen zu finden, ist also ziemlich kompliziert – und teuer, weil mit jeder zusätzlichen Komponente der Preis eines Substrats steigt. Ausserdem stellt sich die Frage: Wie nachhaltig und klimafreundlich sind die Torfalternativen?

«Die Gewinnung der Kokosfaser belastet die Umwelt. Es gelangen Schadstoffe in Gewässer und Böden.»

Seit 2020 bekommt man hierzulande für den Hausgartenbereich praktisch nur noch torffreie Sackerden. Bis auf jene von Ricoter enthalten so gut wie alle zu einem wesentlichen Anteil Kokosfaser oder Cocopeat, auch Kokostorf genannt. Die beiden Stoffe werden aus Kokosnussschalen gewonnen, die als Abfallprodukt bei der Kokosverwertung anfallen. Kokosfaser und Cocopeat kommen Torf in ihren pflanzenbaulichen Eigenschaften recht nahe. Sie schaffen einen vergleichbaren WasserLuft-Haushalt und sind ähnlich nährstoffarm. Aber sie haben einen grossen ökologischen Fussabdruck, wie eine Studie zu Torfersatzprodukten der Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften ZHAW ergab. Der Transport aus asiatischen Erzeugerländern ist dabei nicht das einzige Problem, wie Matthias Stucki, einer der Studienautoren, festhält. «Die Gewinnung der Kokosfaser belastet die Umwelt. Die Schalen werden über Wochen bis Monate in Wasser eingeweicht. Dabei gelangen oftmals Schadstoffe in Gewässer und Böden.» Hinzu kommen Dünger und Pestizide beim Kokosanbau.

Kokosfaserproduktion in Sri Lanka | Bild: flickr.com
Nicht nur der Transport schlägt in der Umweltbilanz von Kokosfaser negativ zu Buche. Bei der Faserproduktion treten Schadstoffe in Gewässer und Böden aus. | Bild: flickr.com

Regional ist nicht per se klimafreundlich

Als einer der wenigen Substrathersteller verzichtet Ricoter konsequent auf den Einsatz von Kokosfasern und Cocopeat und setzt stattdessen auf regionale Rohstoffe: Im Fall der torffreien Sackerde auf eine Mischung aus Holzfasern, Kompost, Rindenhumus und Landerde. Landerde fällt beim Zuckerrübenanbau an – es handelt sich um den Erdanhang, der von den Rüben abgewaschen wird. Auch die Bioterra-Biogärtnerei Holderrieds Pflanzenwelt aus dem Emmental kommt ohne Torf und ohne Kokos aus. «Wir haben viel experimentiert und unser eigenes Substratrezept aus heimischen Rohstoffen entwickelt», so Beat Holderried, der seit Betriebsgründung vor 11 Jahren torffrei produziert. Seine Erde enthält Sand und Rundkies, Holzfasern, feine Holzhäcksel und Rindenhumus sowie Lärchenrinde und Gartenkompost.

«Aus Klimasicht sind alle Alternativen besser als Torf.»

Matthias Stucki von der ZHAW empfiehlt grundsätzlich, auf Torfersatzstoffe aus der Schweiz und Europa zurückzugreifen, weil hier höhere ökologische und arbeitsrechtliche Standards gelten. Aus Klimasicht hingegen heisst lokal nicht per se besser – trotz kürzerer Transportwege. «Es kommt immer auch darauf an, wie etwas produziert oder angebaut wird», gibt der Forscher zu bedenken. Gemäss der ZHAW-Studie hat etwa Grüngutkompost pro Liter oftmals ein grösseres Treibhauspotenzial als Kokosfasern. Je nach Kompostierverfahren können nämlich grosse Mengen klimaschädlicher Gase wie Methan entstehen. Und auch während der Nutzung, wenn der Kompost bereits im Beet oder im Topf ist, setzt er noch Treibhausgase frei. Auch Pflanzenkohle verursacht, bedingt durch die energieintensive Herstellung, erst einmal ähnlich viele Emissionen wie Kokosfasern. Allerdings kann sie langfristig Kohlenstoff binden und entzieht der Atmosphäre damit CO2. «Aus Klimasicht sind alle Alternativen besser als Torf», sagt Matthias Stucki. Selbst Kokosfaser und Kompost, die von den 19 untersuchten Torfersatzstoffen hinsichtlich Klimabilanz am schlechtesten abschneiden. Bei beiden reduzieren sich die Emissionen gegenüber Torf immer noch um über 70%. «Am nachhaltigsten sind Substrate, die mit geringem Verarbeitungsaufwand durch die Verwertung von Reststoffen gewonnen werden», sagt Matthias Stucki. «Zum Beispiel Schilfrohr, das bei der Pflege von Naturschutzgebieten anfällt, oder Landerde aus dem Zuckerrübenanbau.»

Knackpunkt Gemüsesetzlinge

In den Sackerden für den Hausgebrauch haben sich Torfersatzstoffe wie Kokosfaser, Holzfaser und Co. mittlerweile durchgesetzt. Anders sieht es jedoch bei der Pflanzenproduktion aus. Dort macht Torf in der Schweiz immer noch bis zu 70% des Substrats aus – selbst im Biobereich, auch wenn der Torf-Anteil hier je nach Pflanzensegment deutlich tiefer liegt. Am weitesten fortgeschritten ist die Torfreduktion bei den Wildstauden. «Der grösste Knackpunkt sind die Erdpresstöpfe, in denen Gemüsesetzlinge gezogen werden», weiss Alex Mathis, Mitautor der ZHAWStudie. Wegen seines natürlichen Klebergehalts sorgt Torf dafür, dass die zu kleinen Würfeln gepresste Erde zusammenhält. Wird der Torf durch Holzoder Kokosfasern ersetzt, fällt das Substrat auseinander. «Unsere Versuche haben gezeigt, dass die Erde mindestens 40% Torf enthalten muss, damit die Presstopfmaschine klarkommt und die Erdpresstöpfe zusammenhalten.»

«Torffrei geht gut, aber man muss anders arbeiten.»

Darum gehen Bioterra-Betriebe wie beispielsweise die Gärtnereien am Hirtenweg oder Neubauer ganz andere Wege. Beide verzichten auf Presstopfmaschinen. Stattdessen säen sie direkt in Töpfen oder in Anzuchtschalen aus und pikieren die Setzlinge von Hand. «Torffrei geht gut, aber man muss anders arbeiten», sagt Bina Thürkauf von der Biogärtnerei am Hirtenweg, die seit 25 Jahren auf Torf verzichtet. Es brauche mehr Handarbeit, mehr Fingerspitzengefühl, weniger Giesskannenprinzip. «Eine der Schwierigkeiten bei Erde ohne Torf ist, dass sie das Wasser nicht so gut speichern kann und wir deshalb häufiger giessen müssen. Dadurch werden Nährstoffe jedoch schneller ausgewaschen. Es braucht daher ein Substrat mit der richtigen Kombination von Düngerkomponenten, damit die Pflanzen auch langfristig gut versorgt sind.» Die Basler Biogärtnerei arbeitet mit Erde der Firma Ökohum. Diese enthält anstelle von Torf Kokosund Holzfasern, Rindenhumus, Perlit sowie Reisspelzen – und Schafwolle als Langzeitdünger. Die Biogärtnerei Neubauer setzt auf die Kraft des Komposts. «Die Grundkomponente unserer torffreien Erde ist Reifkompost, den wir selber herstellen», erklärt Tobias Neubauer, Inhaber des Familienbetriebs in dritter Generation. Die hauseigene, torffreie Substratmischung, die auch für die Kundinnen und Kunden erhältlich ist, enthält nebst Kompost Holzund Kokosfasern, Reisspelzen und Bimssand. Bei Wildstauden und Kräutern schon seit über 20 Jahren torffrei, hat die Biogärtnerei aus dem Thurgau vor sechs Jahren beschlossen, auch bei den übrigen Pflanzen auf Torf zu verzichten. «Die grösste Herausforderung ist der pH-Wert», so Tobias Neubauer. Bei reifem Kompost sei dieser im Vergleich zu Torf sehr hoch. Das bekommt nicht allen Pflanzen. «Manche Kulturen, zum Beispiel Petunien und Frühlingsprimeln, mussten wir deshalb aus dem Sortiment nehmen.» Ein Abstrich, den Neubauers gern in Kauf nehmen. «Es ist uns wichtiger, ohne Torf zu prodzieren.»

Knappes Angebot

Am Ende wird der Torfausstieg aber nicht nur eine Frage des Wollens seitens der Gärtnereien sein, sondern vor allem auch eine Frage der Verfügbarkeit und des Preises alternativer Substrate. Stand heute können sie Torf nicht vollständig ersetzen. In Deutschland etwa wurden für die 2022 hergestellten Profierden immer noch 77% Torf eingesetzt, während Holzfasern und Rindenhumus zusammen nur 13% beisteuern konnten, Grünkompost 4% und Kokosprodukte sogar nur 1%. «Schwierig wird es bei jenen Stoffen, bei denen ein Nutzungskonflikt besteht», sagt Alex Mathis. Beispiel Hanf: Der Anbau der Nahrungs-, Öl- und Medizinalpflanze steigt in Europa zwar stetig, die Hanffaser wird jedoch unter anderem als Verbundstoff in der Automobilindustrie zunehmend nachgefragt. Auch die Verfügbarkeit von Holzfasern ist nicht gesichert, weil Restholz etwa vermehrt als Energieträger genutzt wird. Welche Torfersatzstoffe das Rennen machen werden, ist daher noch weitgehend offen.

Torfmoos

Zurück ins Moor – Torfmooskultivierung


Einer der vielversprechendsten Torfersatzstoffe sind Torfmoose – die charakteristischen Pflanzen der Hochmoore, die massgeblich für die Torfbildung verantwortlich sind und deren pflanzenbauliche Eigenschaften mit jenen des Torf vergleichbar sind. Torfmoose lassen sich auf abgetorften und danach wiedervernässten Hochmoorflächen anbauen. Durch die Torfmooskultivierung wird einerseits die CO2-Freisetzung des degradierten Moors verringert und andererseits ein wertvoller Lebensraum für Tiere und Pflanzen geschaffen. Etwa alle drei Jahre lassen sich Torfmoose ernten. Noch steckt die Torfmooskultivierung in den Kinderschuhen, bislang gibt es nur wenige Produzenten in Kanada, Finnland und Deutschland. Es wird noch viel Forschung und Entwicklung brauchen, bis Torfmoos in ausreichender Menge verfügbar ist, um Torf in Substraten zu ersetzen. Das Poten- zial wäre in Europa rein flächenmässig gegeben. | Bild: pixabay.com

Dieser Artikel erschien im November 2023 im Magazin Bioterra. Titelbild: Eine Marmorierte Baumwanze. © Isabel Plana

Über die Autorin

Schreiben, zuhören, recherchieren, hinterfragen, Geschichten widergeben, Zusammenhänge verstehen und erklären: Das mache ich schon seit bald 20 Jahren. Als Geojournalistin verbinde ich das journalistische Handwerk mit dem Hintergrundwissen, das ich mir im Geografiestudium und darüber hinaus im Bereich Umwelt und Naturwissenschaft angeeignet habe. Wenn ich nicht recherchiere oder schreibe, bin ich mit meinem Hund in der Natur, backe Sauerteigbrot, unterrichte Pilates oder fotografiere, am liebsten Insekten.

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Isabel Plana | Bild: Florian Schulz

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