Reportage

Der Natur abgeschaut

Die Schweibenalp ist eine etwas andere Alp. Nach dem Prinzip der Permakultur werden hier oben Gemüse, Obst, Kräuter und Pilze angebaut. Wer wissen will, wie das geht, kann es in einem der angebotenen Kurse lernen. Und erfährt nebenbei, was ein Walipini ist.

Gärtnerin im Erdgewächshaus

In «Der Herr der Ringe» würde jetzt ein Hobbit aus der Tür des kleinen, in den Erdhügel gebauten Hauses schauen. Wir sind aber nicht in Mittelerde, sondern auf der Schweibenalp, hoch über dem Brienzersee. Was wie eine Hobbit-⁠Hütte aussieht, ist ein Gewächshaus. Und in der schmalen, von Steinblöcken eingefassten Tür steht Susanne Wacker. «Das ist ein Walipini, ein Erdgewächshaus, das in den Anden entwickelt worden ist», sagt die Gärtnerin.

Drinnen wimmelt es nur so von Pflanzen, vom Rosmarinstrauch bis zum Pfirsichbaum, und es duftet intensiv. «Erdgewächshäuser sind ideal, um die Vegetationszeit der Pflanzen zu verlängern und sie zu überwintern», weiss Wacker. Und das ohne künstliche Beheizung, wie sie bei üblichen Gewächshäusern aus Glas nötig ist. Denn: «Die Wände und der Boden aus Erde und Steinen speichern die Wärme der Sonne über lange Zeit. Die Temperaturen hier drinnen liegen immer drei, vier Grad höher als draussen, selbst wenn es frostig ist.»

Erdgewächshaus auf der Schweibenalp, auch Walipini genannt
Hier wohnen keine Hobbits, sondern frostempfindliche Pflanzen. Im Erdgewächshaus, auch Walipini genannt, bleiben die Temperaturen auch im Winter über Null Grad. Und das ganz ohne künstliche Beheizung, alleine durch die in der Erde gespeicherte Wärme.

Vielfalt statt Monokultur

Der Energiekreislauf, wie er beim Walipini ausgenutzt wird, ist nur einer von vielen Aspekten der Permakultur. Dieses Mitte der 1970er-⁠Jahre entwickelte landwirtschaftliche Konzept baut auf dem Bio-⁠Gedanken auf, geht aber noch weiter. «In der Permakultur verstehen wir Landwirtschaft als nachhaltiges System, als Zusammenspiel verschiedener Kreisläufe», sagt Susanne Wacker. Konkret heisst das: Landwirtschaft nach dem Vorbild der Natur. «Wir arbeiten nur mit Mischkulturen statt mit Monokulturen.» Schädlinge und Krankheiten können sich dadurch weniger stark verbreiten, während Nützlinge wie Bienen, Marienkäfer oder Schlupfwespen profitieren. Die Pflanzenvielfalt wirkt sich ausserdem günstig auf die Bodenfruchtbarkeit aus. Diese wird mit verschiedenen Mulchen und natürlichen Düngern zusätzlich unterstützt.

Neu sind all diese Methoden nicht. Aber: «Die Höhenlage mit rund 1100 Meter über Meer und das alpine Klima bei uns auf der Schweibenalp stellen an die Permakultur ganz eigene Anforderungen», sagt Wacker. Deshalb ist die Schweibenalp sozusagen ein Forschungsfeld und zugleich ein Bildungszentrum. Seit die Permakulturgärten 2011 angelegt wurden, experimentieren die rund neun Mitarbeiter mit verschiedenen Arbeitsweisen und geben ihr Erfahrungswissen in diversen Kursen und Workshops weiter. Auch wenn sich die Kurse und Produkte – Kräutermischungen, Tees, Setzlinge und Saatgut – grosser Beliebtheit erfreuen, reichen die Mittel der Alpinen Permakultur Schweibenalp nicht für grössere Investitionen. Wacker: «Die Verbesserung der Gewächshausbelüftung und die Sanierung des Zufahrtswegs zur Gärtnerei waren nur dank der Unterstützung der Schweizer Berghilfe möglich.»

Interesse der Bauern wecken

Diesen Sommer bietet die Alpine Permakultur erstmals einen Kurs speziell für Landwirte an. «Es ist nicht einfach, die Bauern zu erreichen», weiss Wacker. «Bei vielen hält sich das Vorurteil, dass Permakultur zwar im privaten Garten möglich ist, sich aber für einen Betrieb, der wirtschaftlich rentieren und eine Familie ernähren muss, nicht eignet.» Wacker und ihre Kollegen sehen aber auch da Potenzial. «Wir möchten die Bauern ermutigen, etwas auszuprobieren, vielleicht erst einmal nur auf einer kleinen Fläche, und so Erfahrungen mit Permakultur zu sammeln.» Es muss ja nicht immer gleich ein Walipini sein.


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