Interview

Vergessene Quellen

In der Schweiz gibt es nur noch wenige unberührte Quellen. Seit dem 19. Jahrhundert ist ihre Zahl vor allem im Mittelland aufgrund des steigenden Wasserbedarfs für Landwirt­schaft und Industrie massiv zurückgegangen. Die Gewässerökologin Verena Lubini verfolgt diese Entwicklung mit Sorge. Über Ursachen und Auswirkungen des Quellensterbens.

Quellgebiet der Reuss auf dem Gotthardpass.

Wenn ich mir eine Quelle vorstelle, denke ich an ein Loch im Boden oder im Fels, aus dem Wasser sprudelt...
Vera Lubini: Die Quelle hört nicht da auf, wo das Grundwasser austritt. Als Quelle bezeichnet man in der Ökologie den gesamten Bereich, in dem das Grundwasser ins Oberflächenwasser übergeht. Solange die Wassertemperatur jener des Grundwassers entspricht, befindet man sich im Quellbereich. Bei einer Sturzquelle, also einer Quelle, die einen Bach speist, sprechen wir etwa von den ersten zehn Metern des Baches.

Und was macht diesen Bereich ökologisch wertvoll?
Natürliche Quellen zeichnen sich durch eine grosse Strukturvielfalt aus. Die Strömungsunterschiede bringen stehende oder schnell fliessende Zonen mit unterschiedlichen Substraten hervor. Chemismus und Sauerstoffgehalt des Wassers verändern sich mit zunehmender Entfernung vom Ausritt. So bildet sich ein engmaschiges Mosaik verschiedener Lebensräume. Deshalb sind natürliche Quellen Hotspots der Biodiversität. Viele Quellbewohner gehören mittlerweile zu den bedrohten Arten in der Schweiz, einige befinden sich auf der Roten Liste. Zum Beispiel die Steinfliege Isoperla lugens, die Quellen und Quellbäche in den Bündner Alpen besiedelt. Oder die Köcherfliege Drusus muelleri, ebenfalls eine Alpen-Quellbewohnerin. Beide Arten sind als national prioritäre Arten eingestuft, was die Schweiz zu deren Förderung und Erhaltung verpflichtet.

Sie sprechen von natürlichen Quellen. Wann ist eine Quelle nicht mehr natürlich?
Wenn das austretende Grundwasser gefasst oder genutzt wird. Früher hat man dazu Brunnen gebaut, heute sind es neben Wasserrfassungen Beschneiungsanlagen und Kleinwasserkraftwerke. Auch durch Drainagen werden Quellen zerstört. Oder wenn sie, wie die Quelle im thurgauischen Kundelfingen, für eine Fischzucht genutzt werden.

Karte der Quellstandorte im Raum Zürich.
Im Mittelland ist der Druck auf die Quellen besonders gross. Zwischen Zürichsee und Greifensee beispielsweise gab es, Stand Juni 2015, nur noch eine ungefasste Quelle (lila Kreissymbol bei Zumikon). (Quelle: GIS-Browser Kanton Zürich).

Sie haben Kleinwasserkraftwerke genannt. Haben auch Stauseen negative Auswirkungen auf die Quellen?
Das ist schwierig zu sagen. Ausschliessen würde ich eine Beeinträchtigung von Quellen durch die Wasserkraft nicht. Mir fällt dazu das Beispiel der Felix-⁠und-⁠Regula-⁠Quelle in Glarus ein. Bei meinem letzten Besuch, kurz nachdem etwas weiter südlich das Linth-⁠Limmernkraftwerk in Betrieb ging, habe ich die Quelle trocken vorgefunden. Ob da ein direkter Zusammenhang besteht, weiss ich nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man mit solchen Grossprojekten Veränderungen in den Grundwasserleitern hervorruft, die sich dann andernorts bemerkbar machen.

In welchen Gebieten sind natürliche Quellen am stärksten gefährdet?
Im Mittelland findet man eigentlich nur noch in Waldgebieten kleine, unberührte Quellen. Die grossen Quellen mit starker Schüttung sind im Mittelland praktisch alle gefasst oder werden anderweitig genutzt. Im Jura und in den Bergen gibt es noch grosse, natürliche Quellen, aber auch sie stehen zunehmend unter Druck.

«Mit jeder Quelle geht ein vielfältiger Lebensraum verloren, die Biodiversität nimmt ab, die ökologische Vernetzung wird schwächer.»

Welches sind die Folgen, wenn natürliche Quellen verschwinden?
In erster Linie geht mit jeder Quelle ein vielfältiger Lebensraum verloren, die Biodiversität nimmt ab, die ökologische Vernetzung wird schwächer. Wenn Quellen gefasst werden, versiegen aber auch die Bäche und Tümpel, die sie speisen, und die Rieselflächen verschwinden. Die Landschaft in den Einzugsgebieten wird trockener. Das Mikroklima verändert sich, weil der kühlende Effekt, den Feuchtgebiete haben, verloren geht.

Die Zerstörung natürlicher Quellen ist kein neues Phänomen. Warum ist das bisher kein grosses Thema in der Umweltpolitik?
Man hat die Quellen einfach vergessen. Der Mensch nutzt Quellen seit jeher und betrachtet sie bis heute hauptsächlich als Ressource, nicht als schützenswertes Biotop. Das zeigt sich alleine schon daran, dass Quellen im Gegensatz zu Moorgebieten nicht explizit im Natur- und Heimatschutzgesetz erwähnt sind. Die einzigen rechtliche Möglichkeiten, eine Quelle unter Schutz zu stellen, sind das Vorhandensein von Rote-⁠Liste-⁠Arten, indirekt über die Uferbereiche, die laut Natur- und Heimatschutzgesetz geschützt sind, oder wenn es sich um eine Quelle handelt, die Teil eines geschützten Moorgebietes ist. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kantone, die über den Schutz ihrer Quellen bestimmen, gar nicht alle ihre Quellen kennen. In den Karten sind praktisch nur die bereits gefassten und genutzten Standorte eingezeichnet. Zudem sind viele Quellen in privater Hand.

Es fehlt also an Wissen und Aufklärung.
Das ist so. Aber langsam tut sich etwas. Das Bafu hat vor kurzem beschlossen, eine Kampagne in den Kantonen zu lancieren, an der ich mitarbeiten werde. Ziel ist es, die kantonalen Entscheidungsträger besser über Quellen zu informieren und für deren ökologische Bedeutung zu sensibilisieren. Längerfristig strebt der Bund eine Inventarisierung von Quellen an. Im Kanton Bern ist man bereits mit gutem Beispiel vorangegangen: Vor ein paar Jahren hat man mithilfe von alten Katastern Quellen ausfindig gemacht und aufgesucht. Mit der ernüchternden Erkenntnis, dass praktisch alle Quellen von damals mittlerweile gefasst oder zerstört sind.

Das Bundesamt für Umwelt subventioniert Quellrevitalisierungen. Das Problem ist aber, dass die meisten Kantone gar nicht wissen, wo überall Quellen sind, die es sich zu revitalisieren lohnen würde.

Lassen sich Quellen nicht revitalisieren?
Doch, es gibt Renaturierungsprojekte. Das grösste Potenzial besteht bei Quellfassungen, die nicht mehr genutzt werden. Hier kann man die alte Brunnenstube zurückbauen, die Betonrohre entfernen. Das Bafu subventioniert solche Quellrevitalisierungen. Das Problem ist aber einmal mehr, dass die meisten Kantone gar nicht wissen, wo überall Quellen sind, die es sich zu revitalisieren lohnen würde. Oder dass die Quellen auf Privatgrundstücken liegen und der Kanton deshalb keinen Zugriff hat. Die meisten Gewässerrevitalisierungen wurden bisher übrigens im Rahmen vom Hochwasserschutz vollzogen – und nicht aus ökologischer Überzeugung.

Bringt eine Revitalisierung den ökologisch gewünschten Effekt?
Die Lebensbedingungen für die natürlich Quellflora und -fauna lassen sich sicherlich optimieren, wenn man die Verbauungen entfernt. Aber eine verschwundene Art kehrt nur selten zurück. Das hat man schon bei revitalisierte Bächen feststellen müssen: Selbst viele Jahre nach der Revitalisierung war die Biodiversität noch immer klein im Vergleich zu jener in unberührten Bachabschnitten.

Dann könnte man sich das Ganze ja eigentlich sparen, oder?
Nein, aber man muss jeden Fall für sich anschauen. Es gibt Quellen, da lohnt sich eine Revitalisierung. Zum Beispiel wenn in dem Gebiet die ökologische Vernetzung noch soweit besteht, dass sich Quellbewohner verbreiten und in die revitalisierte Quelle einwandern können. Liegt eine Quelle hingegen in der Landwirtschaftszone, wo das Wasser mit Dünger und Pestiziden belastet ist, bringt eine Renaturierung wenig. Denn die Wasserqualität ist genauso entscheidend wie die Unversehrtheit des Quellbereichs.

Wäre eine sanfte Nutzung von Quellen möglich?
Ja, wenn man das Wasser nicht direkt am Quellmund, sondern erst nach den kritischen zehn Metern fassen würde, bliebe der Quelllebensraum erhalten. Ein solches Beispiel habe ich in Santa Maria im Münstertal gesehen. Das ist aus ökologischer Sicht die ideale Lösung, aber technisch wahrscheinlich etwas aufwendiger.

Wovon geht in Zukunft die grösste Gefahr für noch natürliche oder revitalisierte Quellen aus?
Der Eintrag von Pestiziden, Dünger und auch von Antibiotika aus der Landwirtschaft sind sicherlich eines der Hauptprobleme im Hinblick auf die Wasserqualität. Im Berggebiet kommt ein steigender Wasserbedarf hinzu, zum einen durch den Ausbau der Maiensäss für die touristische Nutzung im Sommer, zum anderen durch die zunehmende künstliche Beschneiung der Pisten im Winter. Nicht zuletzt setzt auch der Klimawandel den Quellen zu. Gerade kleinere Quellen trocknen mehr und mehr aus. Die ökologische Vernetzung wird dadurch in Zukunft noch mehr abnehmen – und mit ihr auch die Chance auf erfolgreiche Quell-⁠Revitalisierungen.


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