Ein Kanton braucht Wetterhilfe

Riesige Geröllmassen halten die Bündner Gemeinde Domat/Ems seit Frühling 2013 in Atem. Regen und Schmelzwasser drohen das Material in einen gefährlichen Murgang zu verwandeln. Um die Lage besser einschätzen zu können, haben sich die Behörden an MeteoSchweiz gewandt.

Montagmittag, kurz vor 12. Eine E-Mail von MeteoSchweiz flattert in Adriano Bottonis Posteingang: «Niederschlags­prognose für das Einzugsgebiet des Val Parghera. Erwartete Menge für Montag, 29. April 2013: 7 bis 12 Millimeter, besonders ab dem Nachmittag, Schneefallgrenze oberhalb von 1800 Metern.» Seit Kurzem erhält Bottoni, stellvertretender Chef des Kantonalen Führungsstabs Graubünden, täglich eine solche E-Mail mit Niederschlags­prognosen für die nächsten 24 Stunden und die fünf darauffolgenden Tage. Denn im Val Parghera ob Domat/Ems herrscht hohes Murgangrisiko, das bei Niederschlag beträchtlich steigt.

9000 Schiffscontainer Geschiebe

Über eine halbe Million Kubikmeter Geröll, Holz und Erde haben sich nach Schätzungen der Experten im Val Parghera angesammelt – so viel fassen etwa 9000 Schiffscontainer. Mitte April 2013 geraten die Massen nach anhaltenden Niederschlägen und der einsetzenden Schneeschmelze in Bewegung. Mehrere kleinere Murgänge gehen nieder. Die Kantonsstrasse nach Chur wird verschüttet und bleibt während Wochen gesperrt. Auch die Linie der Rhätischen Bahn und die Autobahn sind gefährdet. Denn ein Teil der Rutschmasse ist noch oben und könnte sich unter der Einwirkung von Regen oder Schmelzwasser in einem riesigen Murgang zu Tal wälzen. Für die Einsatzkräfte und den kantonalen Führungsstab beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

«Uns war klar, dass wir detaillierte, auf das Gefahrengebiet zugeschnittene Niederschlags­prognosen brauchen, um das Risiko richtig einschätzen und Massnahmen planen zu können», sagt Adriano Bottoni. «Also habe ich bei MeteoSchweiz angerufen. Der Wetterdienst hat uns sofort unterstützt.»

Prognosen nach Mass

Eine solche Zusammenarbeit ist nicht ungewöhnlich. MeteoSchweiz steht Kantonen und Gemeinden in wetter- und klimaabhängigen Gefahrensituationen stets mit massgeschneiderten Messungen und Prognosen beratend zur Seite. Dank der Niederschlags­informationen waren die Verantwortlichen im Val Parghera dem Wetter stets einen Schritt voraus. «Wir konnten uns voll und ganz auf die Prognosen von MeteoSchweiz verlassen», sagt Bottoni, «das hat die Aufräum- und Schutzarbeiten enorm erleichtert.»

Seit August hat sich die Lage in Domat/Ems entspannt. Die täglichen Niederschlags­prognosen sind nicht mehr nötig. Vorüber ist die Gefahr jedoch nicht. Rund 200'000 Kubikmeter Rutschmasse sind zurzeit noch im Val Parghera. «Im Frühling 2014 dürfte das Murgangrisiko mit der Schneeschmelze wieder steigen», befürchtet Bottoni. Doch er weiss: Auf die Unterstützung von MeteoSchweiz kann er jederzeit zählen.

Ein Kanton braucht Wetterhilfe erschien im Jahresbericht 2013 von MeteoSchweiz. // Bilder: MeteoSchweiz