Bäumiges Design

Sie arbeiten mit Holz, das sonst verheizt wird, teilen sich mit andern Handwerkern alte Maschinen und machen vom Entwurf bis zum fertigen Produkt alles selbst: Celestin und Diana Kadur Rohner setzen mit ihren Möbeln auf Nachhaltigkeit.

Lautstark spuckt die Fräse feine Holzspäne aus. Zentimeter für Zentimeter nimmt das eckige Buchenstück Form an. Celestin Rohner, 31, führt das Holz sorgfältig durch die Maschine, damit sie exakt der Schablone entlangschneidet. Dann macht er die Fräse aus, nimmt den Gehörschutz ab, pustet über die frische Schnittfläche und sagt: «Das wird ein Stuhlbein.» Seine Ehefrau Diana, 32, ölt derweil einen fertigen Tisch. Unter den Duft nach frischem Holz mischt sich eine wohlriechende Zitrusnote. Seit bald sieben Jahren entwirft und baut das Paar Kadur Rohner Möbel und hat damit den Nerv einer jungen, urbanen und umweltbewussten Kundschaft getroffen. Gegründet haben die beiden ihre eigene Möbellinie aus Leidenschaft, Überzeugung – und anfangs auch ein wenig aus Notwendigkeit. «Als wir 2008 zusammenzogen, fehlten uns Möbel. Denn keiner von uns hatte zuvor in einer eigenen Wohnung gelebt», erzählt Diana Kadur Rohner. Die beiden waren damals noch im Studium und konnten sich keine teure Wohnungseinrichtung leisten. Billige Massenware wollte das Paar, dem ökologische Nachhaltigkeit und individuelles Design wichtig ist, aber auch nicht. «Also beschlossen wir, uns selber Möbel zu bauen.» Das Gästezimmer funktionierten sie kurzerhand zur Werkstatt um, und schon bald entstanden dort mit einfachen Mitteln die ersten Esszimmerstühle. Nach und nach wurden es immer mehr Stücke, nicht nur für den Eigengebrauch, sondern auch für Freunde und Bekannte.

Heute ist das Gästezimmer wieder werkzeugfrei. Die Rohners, die mit ihren drei Kindern Lina, Lotta und Gian mittlerweile in einem alten Bauernhaus am Zürichsee wohnen, haben vor einem Jahr in der Stadt Zürich einen grossen Werkraum angemietet und einen Werkstattverein gegründet. «Wir kennen viele Leute, die in ihrer Freizeit gerne etwas Handwerkliches machen würden, sich allein aber die Infrastruktur nicht leisten können», erzählt Celestin Rohner. «So kam uns die Idee des Vereins.» Das Prinzip heisst: teilen. Jeder bringt mit, was er an Werkzeug und Maschinen hat, und stellt es allen zur Verfügung, darf dann aber auch alles andere nutzen. Die Miete wird über die Mitgliederbeiträge bezahlt.

«Es ist wichtig, dass wir vermehrt teilen. Nicht nur weil es nachhaltiger ist, sondern auch weil man sich dadurch Freiheiten schafft.»

Das Architekten-und Designerduo Kadur Rohner gehört damit zu einer wachsenden Zahl von Jungunternehmen, die nach dem Modell der sogenannten «Sharing Economy» wirtschaften. «In unserer Gesellschaft überbordet der Konsum immer mehr. Das ist ökologisch nicht tragbar», sagt Celestin Rohner. «Es ist wichtig, dass wir vermehrt teilen. Nicht nur weil es nachhaltiger ist, sondern auch weil man sich dadurch Freiheiten schafft.» Nutzen ohne zu besitzen, – das ist der neue Luxus.

«Wir teilen uns auch Wissen»

Lange mussten die Rohners nicht nach Gleichgesinnten suchen. Innert Kürze zählte der Werkstattverein 20 Mitglieder. Einer davon ist der freischaffende Industriedesigner Luiz Schumacher, der ebenfalls Möbel baut und an diesem Nachmittag mit den Rohners im Werkraum Holzstaub aufwirbelt. Er sieht im Werkstattverein, abgesehen vom finanziellen Aspekt, noch einen anderen Vorteil: «Ich kann hier Erfahrungen austauschen, Ideen diskutieren, Fragen stellen. Das bringt mich weiter.» Diana Kadur Rohner nickt zustimmend. «Wir teilen uns nicht nur Infrastruktur, sondern auch Wissen.»

Ihre Möbel lassen nicht erahnen, dass Celestin und Diana Kadur Rohner Autodidakten sind, was das Schreinern angeht. Beide haben schon von klein auf gerne mit Werkzeug Gegenstände aus Holz erschaffen. «Meinen ersten Tisch habe ich im Alter von sechs Jahren gebaut», erinnert sich Celestin Rohner schmunzelnd. Sein Grossvater war Mechaniker und hatte eine grosse Werkstatt. «Dort verschanzte ich mich oft stundenlang, wenn ich zu Besuch war.»

«Bei mir war das ähnlich», meint seine Frau Diana. «Meine Eltern hatten eine gut ausgestattete Werkstatt zu Hause, in der ich als Kind viel Zeit verbrachte.» Aufgewachsen im ostdeutschen Brandenburg, einem Teil der ehemaligen DDR, ist sie mit dem Do-it-yourself-Gedanken gross geworden. «Zu DDR-Zeiten haben die Leute noch sehr viel selber gebaut und repariert. Es gab ja nicht viel, was man sich neu kaufen konnte.»

Unterschätztes Holz der Hainbuche

Vom ersten Strich auf dem Skizzenpapier bis zum fertigen Möbelstück ist es ein recht langer Prozess. Nicht selten ergeben sich daraus aber unkonventionelle Lösungen. Die Konstruktion ihres leichten Stuhls etwa ist einzigartig: In ihm steckt keine einzige Schraube. Er wird vollständig verleimt. «Holz auf diese Art zu kleben ist eine Technik, die man sonst nur im Bootsbau anwendet», sagt Celestin Rohner. Damit kennt er sich aus. Er ist am Zürichsee aufgewachsen, war fasziniert von Segelbooten und half neben der Schule beim Bootsbauer aus.

Der geklebte Stuhl ist nicht das einzige Markenzeichen von Kadur Rohner. Eine andere Besonderheit ist, dass viele Möbel aus Hainbuche gefertigt sind, einem einheimischen Holz, das im Möbelbau kaum eingesetzt und heute fast nur zum Heizen genutzt wird. «Es ist sehr hart und nicht einfach in der Verarbeitung», weiss Celestin Rohner. Für ihn und seine Frau kein Grund, es nicht zu versuchen. «Hainbuche besticht mit ihrer feinen Maserung, es ist ein Holz mit Charakter», findet Diana Kadur Rohner. Und da es in den Wäldern des Mittellandes in grosser Zahl wächst, ist es eine ökologische Alternative zu stark nachgefragten Hölzern wie Ahorn oder Eiche, die auch schon mal aus Deutschland oder Frankreich importiert werden müssen. «Wir nutzen wenn immer möglich Holz aus dem Inland. Am liebsten beziehen wir es direkt bei Sägereiwerken in der Region.»

Maschinen zum Alteisenpreis

Einheimisches Holz alleine garantiert aber noch keine Nachhaltigkeit. Ökologisch ins Gewicht fällt vor allem die Produktionsweise. Diese ist bei Kadur Rohner äusserst energieeffizient. «Da wir alles selber machen und nichts auslagern, muss während der Herstellung nichts hin- und hertransportiert werden», sagt Celestin Rohner. Und noch etwas kommt hinzu: Die Maschinen, mit denen sie das Holz verarbeiten, haben sie alle im gebrauchten Zustand gekauft, erstanden im Internet oder bei Schreinereiauflösungen zum Alteisenpreis. «Diese Drehbank dort ist fast 100 Jahre alt – und funktioniert immer noch perfekt.» Wenn doch mal eine Maschine streikt, legen sie selber Hand an. «Die Fräse hier habe ich kürzlich repariert. Jetzt läuft sie wieder wie geschmiert.» Celestin Rohner setzt sich den Gehörschutz auf, schmeisst die Maschine an und greift zum nächsten Buchenbrett. Das nächste Stuhlbein ist dran. Die Fräse heult auf und spuckt kurz darauf wieder Holzspäne aus.

Bäumiges Design erschien am 19. März 2015 in der Schweizer Familie. // Bilder: Isabel Plana